Wer „Frühförderung Testbogen“ eintippt, sucht die eine Liste, auf der steht, was ein Kind mit vier können muss. Die gibt es nicht. Es gibt ein Blatt, auf dem steht, was eine Person an einem Tag gesehen hat — weniger, als du befürchtest, und mehr, als du denkst, wenn du weißt, wofür es gebaut ist.
Ein Grenzstein liegt am Ende einer Spanne, nicht in ihrer Mitte
Einer dieser Bögen heißt Grenzsteine, und der Name ist wörtlich gemeint: Ein Grenzstein markiert etwas, das 90 bis 95 von 100 Kindern in einem bestimmten Alter können. Wer ihn nicht erreicht, gehört zu den letzten fünf bis zehn. Wer ihn als Sollwert liest, liest ein Warnsignal wie eine Note.
Dazu passt, wie der Bogen ausgefüllt wird, der zur ärztlichen Untersuchung gehört: Angekreuzt wird dort nur, was das Kind nicht erfüllt. Dokumentiert wird also der Ausfall, nie der Stand; ein Blatt mit drei Kreuzen sieht deshalb dramatischer aus, als es gemeint ist, und die Zeilen ohne Kreuz sieht niemand an.
Zwei Wörter werden dabei ständig verwechselt: Ein Meilenstein ist der Tag, an dem dein Kind etwas zum ersten Mal tut, und der streut breit; ein Grenzstein ist der Zeitpunkt, an dem fast alle es können. Auf dem Bogen steht der zweite, verglichen wird zu Hause mit dem ersten.
Wie groß die Streuung ist, hat eine Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin beziffert: Bei Vierjährigen reicht die noch normale Bandbreite von einem Entwicklungsalter von drei bis fünf Jahren, bei Sechsjährigen von viereinhalb bis siebeneinhalb. In einer Gruppe Gleichaltriger sitzen also zwei bis drei Entwicklungsjahre nebeneinander, ohne dass eines auffällig wäre.
Was so ein Bogen nicht ist
Kein Test — ein Test misst und vergleicht mit einer Norm, diese Bögen suchen. Und keine Diagnose: Dieselbe Fachgesellschaft hält ausdrücklich fest, dass ein in solchen Verfahren gefundener Förderbedarf in aller Regel keine Störung mit Krankheitswert bedeutet.
Und kein Ersatz für das, was du siehst: Eltern und Erzieherinnen kommen bei denselben Kindern regelmäßig zu unterschiedlichen Einschätzungen, und in der Diagnostik gilt das als zusätzliche Information, nicht als Irrtum einer Seite. Umgekehrt ist ein Bogen ohne Kreuze keine Entwarnung — wenn die Kita nichts sagt, heißt das, dass an diesem Tag in diesem Raster nichts hängen geblieben ist.
Was du fragen darfst
Stell vier Fragen zum Blatt: Was genau hast du gesehen? Wann war das? Wie oft? Und in welcher Lage — allein, in der Gruppe, vor dem Mittagessen, nach dem Wochenende? Wer fragt, hilft beim Sortieren.
Frag außerdem, wie der Bogen heißt: Ein Name genügt, damit du nachlesen kannst, ob das Blatt ein Suchraster ist, ein Entwicklungsprofil oder eine Portfolio-Sammlung — drei Dinge, die ähnlich aussehen und Verschiedenes bedeuten. In Schleswig-Holstein muss jede Kita beobachten und mitschreiben; welches Verfahren sie dafür nimmt, schreibt ihr niemand vor.
Was die Kita darf, ist hinweisen. Was sie nicht darf: ohne deine Einwilligung etwas davon an die Grundschule weitergeben. Ob sie dir eine Kopie aushändigen muss, ist in Schleswig-Holstein nicht ausdrücklich geregelt; eine landesrechtliche Regelung dazu gibt es hier nicht — frag trotzdem danach. Wie du deine eigene Beobachtung so aufschreibst, dass jemand damit arbeiten kann, steht in Was du aufschreibst, damit der Termin etwas bringt.
Worauf du nicht wartest
Ich stelle keine Diagnosen und darf das auch nicht; was hier steht, ersetzt keine ärztliche Abklärung. Für die Liste gibt es keine Fachquelle — sie ist meine Einordnung aus der Beratung, keine medizinische Regel.
Nicht bis zum nächsten Entwicklungsgespräch warten:
- wenn dein Kind Fähigkeiten verliert, die es schon hatte
- wenn du den Eindruck hast, dass es schlecht hört — bei der U7a ist keine Hörprüfung vorgesehen, gemessen wird das Hören erst bei der U8
- wenn Fremde dein Kind nicht verstehen und ihr euch das seit Monaten anhört. Wie viel ein dreijähriges Kind für Fremde verständlich sein muss, dazu kursieren Prozentzahlen im Netz; eine gesicherte deutsche Zahl gibt es nicht, und ich nenne dir deshalb keine
- wenn dich ein Kreuz auf einem Blatt seit Wochen nicht schlafen lässt
Für einen Termin brauchst du kein ausgefülltes Blatt. Die Beobachtung, mit der du dort hingehst, ist deine.
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