In der eigenen Haut: wenn Berührung wehtut

Ein Kindershirt auf links, das steife Etikett steht am Hals hoch

Auf der Treppe liegt die dritte Socke des Morgens, weil die Naht falsch war, und bei der zweiten war sie es auch. Dann die Regenhose, und dein Kind schreit, als würdest du ihm wehtun — und du hältst einen Moment inne, weil dir dieser Gedanke schon öfter gekommen ist, während du dich sagen hörst: Jetzt stell dich nicht so an. Abends erzählst du es jemandem und bekommst, was alle sagen: Trotzphase. Oder: Klingt nach ADHS, lass das abklären.

Zwischen „will nicht“ und „kann nicht“ liegt aber noch etwas Drittes, und es ist so unspektakulär, dass es fast nie jemand ausspricht: Dein Kind spürt etwas, das du nicht spürst.

Die eigentliche Leistung ist das Aussortieren

Über die Haut kommt ununterbrochen etwas an, am ganzen Körper und den ganzen Tag: Druck, Temperatur, Berührung. Jede dieser Meldungen geht ans Gehirn, und dort passiert das Entscheidende — das meiste wird weggeworfen.

Merk kurz, was gerade auf deiner Haut liegt: der Stoff an den Oberschenkeln, die Socken, die Lehne im Rücken, die Luft am Gesicht. Bis zu diesem Absatz hast du nichts davon gespürt, weil dein Gehirn es als unwichtig eingestuft und aussortiert hat, bevor es dein Bewusstsein erreichte. Deshalb kannst du lesen.

Bei manchen Kindern sortiert das Gehirn weniger aus. Sie spüren jede Naht und jedes Etikett, den ganzen Tag und ohne Pause, und wer stundenlang etwas auf der Haut spürt und gleichzeitig stillsitzen soll, kommt an eine Grenze, die mit Wollen nichts zu tun hat.

Das ist keine Studienlage. Die Beschreibung der Haut, die beiden Richtungen unten und die Alltagsbeispiele stammen aus meiner Praxis; wie viele Kinder das betrifft, weiß ich nicht, und belastbare deutsche Zahlen gibt es nicht.

Zu viel und zu wenig

Es gibt zwei Richtungen, und viele Eltern erleben beide am selben Kind.

In der einen kommt zu viel durch: Leichte Berührung ist unangenehm bis schmerzhaft, fester Druck dagegen tut gut. Das erklärt den Widerspruch, an dem so viele Nachmittage hängen — dein Kind presst sich beim Abholen mit ganzer Kraft an dich und zuckt zurück, wenn du ihm danach über den Arm streichst. Im Alltag hängt es dabei immer an denselben Stellen, also an Etiketten, Nähten, Socken und der Regenhose über der Strumpfhose, am Haarewaschen, Zähneputzen, Eincremen, Nägelschneiden und Wickeln, an Sand an den Händen, an Fingerfarbe und Knete.

In der anderen kommt zu wenig an: Leichte Berührung erreicht das Kind kaum, es braucht festen Druck, um überhaupt etwas zu merken, und holt sich den. Es fasst zu fest an, steht zu nah, umklammert andere Kinder, und mit sechs merkt es nicht, dass die Nase läuft. Diese zweite Richtung fällt seltener auf, weil sie niemanden stört.

Warum das aussehen kann wie Absicht

Ein Kind, das beim Anziehen ausrastet, wird als trotzig gelesen, und eines, das ein anderes wegstößt, wenn ihm eine fremde Hand auf die Schulter fällt, als aggressiv. Beides kann Not statt Absicht sein, denn der Körper unterscheidet in dem Moment nicht zwischen einer freundlichen Hand und einem Angriff, und die Reaktion ist schneller da, als ein Vierjähriger denken kann.

Sie kommt auch selten aus dem Nichts. Bei einem Kind, das jeden Reiz auf der Haut mitbekommt, füllt sich das Fass ab dem Aufwachen — die Kleidung, das Frühstück, die Autofahrt, die Jacken der anderen Kinder an der Garderobe, die beim Vorbeigehen den Arm streifen. Ein solches Kind wirkt in der Kita oft abgelenkt. Der Blick geht zur Tür, zum Nachbarkind, zum Regal; es sucht die nächste unerwartete Berührung, bevor sie kommt, und das kostet Aufmerksamkeit, die im Stuhlkreis dann fehlt.

Das ist keine Entschuldigung, denn Wegstoßen bleibt Wegstoßen und die Grenze gilt weiter. Es ist aber eine andere Ausgangslage für das, was du danach tust: Ein Kind, das seinen Willen durchsetzen will, braucht eine klare Ansage, ein Kind im Alarm erst weniger Reiz und dann die Ansage.

Was das nicht ist

Eine „sensorische Integrationsstörung“ ist keine Diagnose. Ich habe im amtlichen deutschen Diagnoseverzeichnis nachgesehen: Der Block für Entwicklungsstörungen kennt Sprache, schulische Fertigkeiten, Motorik und Autismus, eine Kategorie für sensorische Integration steht dort nicht. Wie es in den internationalen Verzeichnissen aussieht, habe ich nicht am Originaltext geprüft und sage deshalb nichts dazu.

Die Therapie dazu ist strittig, und die Streitfrage ist „wofür“. Die deutschsprachige Leitlinie zu motorischen Entwicklungsstörungen nennt die Evidenz für die sensorische Integrationstherapie „nicht eindeutig“, beurteilt hat sie das aber für Kinder mit einer motorischen Entwicklungsstörung und nicht für den Tastsinn, um den es hier geht. Nicht widerlegt, nicht belegt.

Was dagegen weiterhilft: Schwierigkeiten mit Sinnesreizen kommen bei vielen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen vor, ADHS ausdrücklich eingeschlossen. Begleitmerkmal ja, Alternativdiagnose nein. Ich rede ADHS hier also nicht klein — wer die Diagnose hat, hat sie zu Recht, und nichts von dem, was oben steht, macht sie kleiner. Eine Diagnose hält einen Stand fest, mehr nicht, und was deinem Kind morgen früh im Flur hilft, hängt nicht an ihr.

Und noch etwas: Empfindlich sein ist keine Störung. Manche Kinder spüren mehr als andere, ohne dass irgendetwas dahintersteckt, und eine Liste, mit der du zu Hause das eine vom anderen trennst, gibt es nicht. Weder bei mir noch anderswo.

Sieben Tage, eine Änderung

Ändere eine Sache und nicht fünf: Schneide sieben Tage lang alle Etiketten heraus und dreh die Socken auf links, sodass die Naht außen liegt. Wenn der Morgen anders läuft, weißt du mehr als nach jedem Fragebogen.

Sag außerdem an, was als Nächstes kommt — vor dem Haarewaschen, vor dem Eincremen, vor der Nagelschere — und lass die Reihenfolge gleich, denn was vorhersehbar ist, alarmiert weniger. Probier dabei festen Druck statt leichtem: nach dem Baden mit der flachen Hand abtrocknen statt tupfen, vor dem Zähneputzen kurz fest über Wangen und Kiefer drücken. Beobachte, was besser ankommt, denn bei manchen Kindern ist es genau andersherum.

Gib die Kontrolle ab, wo es geht. Das Kind hält den Waschlappen, das Kind sucht die Socken aus, das Kind sagt, wann die Bürste kommt — und kein Zwang, denn unter Druck lernt ein Nervensystem nichts. Schreib schließlich abends drei Zeilen auf: was schwierig war, welches Material beteiligt war und was zehn Minuten vorher vorausging. Genau danach wird in einer Abklärung gefragt, und niemand außer dir kann es liefern.

Nichts davon braucht eine Diagnose vorher, und falls irgendwann eine im Bericht steht, wird nichts davon falsch.

Wann die Haut selbst gemeint ist

Für alles Medizinische gilt dieser Text nicht. Ich stelle keine Diagnosen und darf das auch nicht; was hier steht, ersetzt keine ärztliche Abklärung.

Kurzfristig, ohne den nächsten Vorsorgetermin abzuwarten:

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