Ihr dürft die Eingliederungshilfe beantragen, bevor irgendjemand gesagt hat, was euer Kind hat. An dieser einen Tür wird manchmal wirklich ein Befund verlangt — aber nicht in jedem Fall, und nie als Erstes von euch. Der Antrag steht am Anfang, nicht am Ende.
Der Satz, der den Anstoß gibt, fällt meist in der Kita: In der Gruppe schaffen wir das nicht mehr allein, ihr solltet eine Begleitung beantragen. Wer daraufhin abends „Eingliederungshilfe“ eintippt, findet Seiten voller Absätze und Nummern, die niemand übersetzt.
Zwei Wege — und ihr müsst nicht raten, welcher eurer ist
Hinter dem sperrigen Wort liegen zwei getrennte Wege. Der eine gilt, wenn ein Kind körperlich oder geistig beeinträchtigt ist, und in Schleswig-Holstein sind dafür die Kreise zuständig, für Bargteheide also der Kreis Stormarn; der andere gilt für die seelische Seite und führt über die Jugendhilfe. Im Kreis Stormarn sitzen beide in einem Fachdienst in Bad Oldesloe, mit zwei Antragsformularen, weil das Recht dahinter ein anderes ist.
Auseinanderhalten musst du das nicht. Die Stelle, bei der dein Antrag eingeht, muss binnen zwei Wochen klären, ob sie die richtige ist, und wenn nicht, gibt sie ihn weiter. Verloren geht dabei Zeit im Verfahren, nicht euer Antragsdatum — und an diesem Datum hängt später das Geld. Mir begegnen Familien, die aus Sorge vor der falschen Stelle monatelang gezögert haben; das stammt aus meiner Arbeit und ist nicht durch Studien belegt, aber die Sorge selbst ist unbegründet.
Die eine Tür, an der nach einem Befund gefragt wird
An vier von fünf Türen im Hilfesystem musst du den Namen nicht mitbringen — das steht in Du musst nicht warten, bis es einen Namen hat. Hier ist die Ausnahme.
Geht es um die seelische Seite, wird eine fachärztliche Stellungnahme verlangt, und schreiben darf sie eine Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin oder eine Ärztin mit besonderer Erfahrung in diesem Feld. Verlangt wird eine Stellungnahme und kein Etikett: Das Papier ordnet ein und sagt, ob das, was auffällt, Krankheitswert hat.
Was ihr dazuzahlt, und warum ich das nicht pauschal beantworte
Auf dem ersten Weg, dem körperlichen oder geistigen, gilt für ein Kind, das noch nicht in der Schule ist: Für die Hilfen, die ihm Teilhabe ermöglichen sollen, zahlt ihr nichts dazu, und weder euer Einkommen noch euer Vermögen wird geprüft.
Auf dem zweiten Weg ist es anders gebaut. Dort wird ein Beitrag nur für Hilfen erhoben, bei denen ein Kind in einer Einrichtung untergebracht ist oder tagsüber dort betreut wird; für Hilfe, die wirklich ambulant ist, ist kein Beitrag vorgesehen.
Eine Begleitung in der Kita liegt genau dazwischen, und ob sie als ambulante Hilfe zählt oder als Hilfe in einer Tageseinrichtung, entscheidet darüber, ob ihr etwas zahlt. Diese Frage ist nicht allgemein beantwortet, und ich kenne niemanden, der sie für alle Kreise beantworten könnte. Deshalb steht hier nicht „das kostet euch nichts“, sondern: Fragt danach, schriftlich, bevor ihr etwas unterschreibt. Ein Satz genügt — „Wird für diese Leistung ein Kostenbeitrag erhoben, und wonach bemisst er sich?“
Was nach dem Umschlag passiert
Es kommt ein Gespräch. Eine sozialpädagogische Fachkraft will von euch wissen, wie euer Alltag aussieht, also nicht, was dem Kind fehlt, sondern wo es im Tag hängenbleibt. Das ist kein Test, und was ihr zu Hause aufgeschrieben habt, trägt in diesem Gespräch am weitesten. Wie lange es dauert, sagt dir hier niemand seriös: Eine belastbare Zahl für Schleswig-Holstein gibt es nicht, und ich erfinde dir keine.
Vier Dinge ist dieser Antrag nicht. Er ist keine Feststellung über dein Kind, sondern eine Frage nach Hilfe. Er ist nichts, was die Kita für euch erledigt: Stellen müssen ihn die Eltern, die Kita liefert zu, unterschrieben wird zu Hause. Er ist kein Anruf, denn beim Kreis Stormarn reicht ein mündlicher Antrag nicht — es braucht etwas Schriftliches, und sei es eine E-Mail. Und er ist keine Uhr, die von allein zu euren Gunsten abläuft: Verstreicht eine Frist, gilt euer Antrag nicht automatisch als bewilligt.
Was diese Woche zählt
Schreib den Antrag, bevor der Monat um ist. Vier Zeilen genügen: Datum, Name und Geburtsdatum des Kindes, ein Satz — „Hiermit beantrage ich für mein Kind Leistungen der Eingliederungshilfe.“ Es eilt, weil die Hilfe nicht vor dem Antrag beginnt; auf dem ersten Weg zählt sogar der ganze Monat, in dem er eingeht, sodass ein Schreiben vom 30. September den September mit abdeckt, eines vom 1. Oktober aber nicht.
Frag dabei nach dem passenden Formular: Der Kreis Stormarn hat zwei, für jeden Weg eines, dazu Fragebögen für die Kita und eine Schweigepflichtentbindung. Leg bei, was schon da ist — Arzt- und Therapieberichte, möglichst nicht älter als ein Jahr, und was die Kita aufgeschrieben hat. Warte nicht, bis die Mappe vollständig ist, denn Fehlendes wird nachgefordert, und bis dahin läuft dein Antrag. Was du selbst beisteuern kannst, steht in Was du aufschreibst, damit der Termin etwas bringt.
Hol dir außerdem die Lotsin dazu: Beim Kreis Stormarn arbeitet eine Verfahrenslotsin für junge Menschen mit einer Behinderung und deren Eltern, sie berät, hilft beim Antrag und begleitet zu Terminen, kostenlos und am Telefon, per Video oder vor Ort. Auf die offene Sprechstunde solltest du dagegen nicht hoffen: Die offenen Beratungsangebote des Kreises sind ausgesetzt, Stand September 2026 und angekündigt bis zum Jahresende. Ein Termin nach Absprache geht weiter.
Notier dir zum Schluss zwei Daten: den Tag, an dem du abgeschickt hast, und den Tag zwei Wochen später. Meldet sich bis dahin niemand, rufst du an und fragst, ob die Stelle sich für zuständig hält. Dieser eine Anruf verschiebt mehr als jedes Formular.
Wann die Praxis der schnellere Weg ist
Für alles Medizinische gilt dieser Text nicht. Ich stelle keine Diagnosen und darf das auch nicht; was hier steht, ersetzt keine ärztliche Abklärung.
Kurzfristig, ohne den nächsten Vorsorgetermin abzuwarten, gehst du hin, wenn dein Kind etwas verliert, das es schon konnte — Wörter, Bewegungen, Blickkontakt. Das ist der Punkt, an dem unstrittig nicht abgewartet wird.
Und wenn es um die seelische Seite geht, ist die Praxis auch der praktische Anfang: Dort sind die Kolleginnen bekannt, die so eine Stellungnahme schreiben, und dort wird die Überweisung ausgestellt. Bring deine Aufzeichnungen mit, dann dauert der Termin nicht länger, er wird nur brauchbarer.
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