Wenn ihr euch als Eltern uneinig seid

Ein Tisch mit zwei Plätzen, alles liegt vor dem linken, der rechte ist leer

Du machst ihn dir doch erst zum Problem.

Der Satz fällt, nachdem du den Zettel auf den Küchentisch gelegt und gesagt hast, dass du einen Termin machen willst. Und kurz danach der zweite, ruhiger gesagt: „Lass ihm doch einfach Zeit.“ Ihr redet noch zwanzig Minuten, danach liegt der Zettel wieder in der Schublade, und du liegst wach und fragst dich, ob du übertreibst.

Ihr habt an diesem Abend nicht über euer Kind gestritten. Ihr habt über zwei Ängste gestritten, und keiner von euch hat seine ausgesprochen.

Ihr streitet über zwei Ängste, nicht über euer Kind

Was ich in der Beratung sehe, sieht so aus — das stammt aus meiner Arbeit und ist in dieser Form nicht durch Studien belegt. Wer abwarten will, hat Angst davor, sein Kind abgestempelt zu sehen: vor dem Wort, das dann in einem Bericht steht, vor dem Blick der Erzieherin, die ab jetzt anders hinsieht. Wer abklären lassen will, hat Angst, Zeit zu verlieren — vor dem Satz „Hätten wir das mal früher gewusst“. Das läuft in beide Richtungen: Bei mir sitzt genauso die Mutter am Tisch und will warten, während der Vater den Zettel schreibt.

Wenn ihr euch nicht einigt, verschwindet das Thema nicht, sondern bleibt bei dem, der es aufgebracht hat. Deshalb landet die Sorge bei einer Person, und das schlechte Gewissen gleich mit. Du hältst das nicht aus, wie du dir manchmal einredest — du trägst es allein. Das ist etwas anderes, und es hört nicht dadurch auf, dass du tapferer wirst.

Was das nicht ist

Das hier ist keine Sache für eine Paartherapie: Zwei Menschen, die dasselbe Kind lieben und es verschieden einschätzen, haben kein Beziehungsproblem, sondern eine offene Frage vor sich.

Es ist auch keine Frage danach, wer das Kind besser kennt. Es kommt vor, dass beide dasselbe sehen und es verschieden nennen — der eine nennt es „lebhaft“, die andere „auffällig“, und beide meinen dieselben zwanzig Minuten vom Vortag.

Es ist nichts, was du gewinnst. Ein Argument mehr bringt euch nicht weiter, denn auf der anderen Seite sitzt kein Argument, dort sitzt eine Angst. Und es ist kein Zeichen dafür, dass der andere sich nicht kümmert: Abwarten ist auch eine Art, sich zu kümmern. Von außen sieht diese Art aus wie Wegsehen, und das macht sie so schwer erträglich.

Eine Woche, ein Blatt, zwei Stifte

Schreibt eine Woche lang beide dasselbe auf: ein Blatt, drei Spalten — wann, was, was kurz davor war. Also nicht „war wieder schwierig“, sondern „16:40, hat sich vor der Kita auf den Boden gelegt, wir kamen gerade aus dem Supermarkt“. Beide tragen ein, beide sehen alles, sonst nichts: keine Bewertung, keine Deutung.

Das verändert Gespräche mehr als jedes Argument, und zwar in beide Richtungen. Manchmal steht am Sonntag weniger auf dem Blatt, als du befürchtet hast; manchmal deutlich mehr, als der andere erwartet hat. Aus zwei Meinungen ist dann eine Beobachtung geworden, und über die lässt sich reden. Wie so ein Blatt aussieht, steht in Was du aufschreibst, damit der Termin etwas bringt.

Geht außerdem zum ersten Termin zusammen, nicht nach dem Muster „du gehst hin und erzählst mir dann“. Was du danach berichtest, ist schon gedeutet, und der andere hört genau das heraus; wer selbst im Raum saß, streitet hinterher über die Sache und nicht über die Wiedergabe. Scheitert das an den Arbeitszeiten, schreibt vorher zwei Fragen auf, die beide beantwortet haben wollen — wer hingeht, stellt sie und notiert die Antwort im Wortlaut.

Verabredet eine Frist statt einer Grundsatzentscheidung. „Wir schauen bis Ende Oktober, dann entscheiden wir neu“ ist ein Satz, dem beide zustimmen können: Er kostet den einen kein Nachgeben und den anderen keine Untätigkeit. Schreibt das Datum in den Kalender, sonst verschiebt es sich von selbst.

Und wenn der andere nicht mitzieht, darfst du allein anfangen. Einen Termin auszumachen ist keine Entscheidung über euer Kind, sondern eine Frage, auf die jemand antwortet — wohin sie gehört, steht in Du musst nicht warten, bis es einen Namen hat. Erzähl hinterher, was gesagt wurde, und nicht, was du daraus schließt. Das ist der Unterschied zwischen einem Bericht und einem Beweis, und nur den einen von beiden kann der andere annehmen.

Wenn ihr nicht mehr zusammen wohnt

Was für euch gilt, hängt davon ab, wie das Sorgerecht geregelt ist. Ich kläre das nicht, und dieser Text auch nicht — dafür gibt es die Erziehungs- und Familienberatung. Kosten entstehen euch keine, eine Überweisung braucht ihr nicht, und ihr könnt auch getrennt voneinander hingehen. Der Träger ist von Ort zu Ort verschieden; in Bargteheide ist es die Evangelische Beratungsstelle Stormarn, Lindenstraße 3, Anmeldung dienstags von 14 bis 16 Uhr und freitags von 10 bis 12 Uhr unter 04532 24433. Wohnt ihr woanders, frag bei eurer Kinderärztin nach der Erziehungs- und Familienberatung in eurer Nähe.

Worauf ihr nicht bis zur Einigkeit wartet

Auf Einigkeit wartest du nicht, wenn euer Kind etwas verliert, das es schon konnte — Wörter, die weg sind, Bewegungen, die es nicht mehr macht, Blickkontakt, den es vorher hatte. Das gehört rasch in die Praxis, auch ohne Absprache. Ebenso, wenn ihr euer Kind über den Tag kaum erreicht, wenn es sich selbst verletzt, oder wenn du selbst nicht mehr kannst: Deine Erschöpfung ist ein eigener Grund für einen Termin, keine Randnotiz.

Die U-Untersuchungen stehen ohnehin an. Nimm das Blatt aus der Woche mit und leg es hin, statt aus dem Kopf zu erzählen — ein Blatt mit Daten lässt sich schlecht als Übertreibung abtun, von der Praxis nicht und von eurem Küchentisch auch nicht.

Und wenn etwas davon nicht bis zu einem Termin wartet, weil dir Gedanken kommen, dir selbst oder deinem Kind etwas anzutun:

Wenn du nicht mehr weiterweißt. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 116 123, 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Du musst keinen Namen nennen, deine Nummer wird nicht angezeigt und steht auf keiner Rechnung.

Wenn es dringend ist, aber keine Lebensgefahr besteht: 116 117, der ärztliche Bereitschaftsdienst, ebenfalls rund um die Uhr und kostenfrei.

Bei Lebensgefahr — deiner oder der deines Kindes — die 112. Dort bist du nicht anonym, und das ist in dieser Lage richtig so.

Dafür brauchst du niemandes Einverständnis.

Ich stelle keine Diagnosen und darf das auch nicht; was hier steht, ersetzt keine ärztliche Abklärung.

Zurück zum Blog