Frühkindliche Reflexe: was dran ist — und was nicht

Eine ausgestreckte Kette, ein Glied in der Mitte ist offen und schliesst nicht

Zum ersten Mal sagt jemand nicht gleich ADHS.

Der Satz fällt am Ausgang eines Elternabends, auf der Leinwand stand ein Wort, das du noch nie gehört hattest — persistierender Moro-Reflex —, auf dem Handzettel standen vierzehn Punkte, und du hast neun abgehakt. Am Ausgang liegen Karten: zwölf Einzeltermine, Beginn nach den Ferien.

Auf dem Heimweg denkst du zwei Sachen gleichzeitig. Das passt auf mein Kind. Und: Es passte verdächtig gut auf jedes Kind in diesem Raum. Beide Gedanken stimmen. Diese Reflexe gibt es wirklich, und über den ersten Teil des Vortrags streitet niemand — über den zweiten schon.

Was ein frühkindlicher Reflex ist

Ein Neugeborenes bringt fertige Bewegungsantworten mit: Leg ihm den Finger in die Hand, und es greift zu; kippt der Kopf nach hinten, reißt es die Arme auseinander und zieht sie wieder heran — das ist der Moro; halt es aufrecht mit den Füßen auf der Unterlage, und es setzt einen Fuß vor den anderen. Diese Antworten sind von Anfang an da, tun ihren Dienst und treten zurück, und willkürliche Bewegung tritt an ihre Stelle. Das ist gewöhnliche Entwicklung, und daran zweifelt niemand.

Es steht auch nicht in einer Nische, sondern in der Richtlinie, nach der die Vorsorgeuntersuchungen in Deutschland ablaufen: Bei der U2, der U3 und der U4 werden frühkindliche Reflexe geprüft, darunter Moro-Reaktion, Greifreflexe und Schreitautomatismus. Und danach nicht mehr — ab der U5 im zweiten Lebenshalbjahr stehen dort nur noch die Muskeleigenreflexe, Knie und Achillessehne, das Hämmerchen.

Warum die Erklärung so gut klingt

Die Kette, die dir angeboten wird, hat vier Glieder: Ein Reflex ist noch da, das Kind muss ihn ständig niederhalten, die Kraft dafür fehlt anderswo, also sitzt es nicht still. Jedes einzelne Glied leuchtet ein, und am Ende steht etwas, das du an deinem Kind wiedererkennst. Das macht die Kette stark, und das ist zugleich ihr Problem: Wiedererkennen ist kein Beleg.

Dazu kommt eine Literatur, die aussieht wie Fachliteratur — Bücher, Studienlisten, Fortbildungen mit Zertifikat. Wenn du nachsiehst, wo sie herkommt, landest du oft bei denen, die auch die Ausbildung dazu verkaufen. Das macht sie nicht falsch, es heißt nur, dass sie als Beleg nichts wiegt. Ich unterstelle niemandem in diesem Feld eine schlechte Absicht, ich arbeite selbst mit Wahrnehmung und kenne die Kolleginnen. Es geht um etwas anderes: Wer eine Wirkung anbietet, ist die falsche Stelle, um sie zu prüfen.

Was die Studien hergeben — und was nicht

Es gibt Untersuchungen, die einen Zusammenhang finden: Wo Kinder fortbestehende Reflexe zeigten, berichteten sie schwächere Werte in Bewegung und Schulleistung, und eine weitere Arbeit findet dasselbe bei Kindern mit ADHS. Das ist der Teil, an dem etwas dran ist — nur heißt Zusammenhang nicht Ursache, und die Verfasser schreiben das selbst dazu.

Der zweite Befund ist unbequemer. Restreaktionen sind bei gewöhnlichen Kindern häufig: In einer Untersuchung an gesunden Kindergartenkindern war bei fast neun von zehn mindestens ein Reflex noch nachweisbar. Ein Test, der bei so vielen unauffälligen Kindern anschlägt, sagt über dein Kind wenig. Bei den Übungsprogrammen wird es dann dünn — die Untersuchungen dazu berichten überwiegend Verbesserungen, in sehr unterschiedlicher Größe, und die Verfasser schreiben selbst, die Grundlage bleibe begrenzt und uneinheitlich.

An genau einer Stelle wird eine deutsche Leitlinie deutlich: Bei Kindern mit einer Lese- und Rechtschreibstörung sollen Bewegungsübungen zur Beseitigung eines bestimmten Reflexes für Lesen und Schreiben nicht eingesetzt werden, in der stärksten Form, die eine Leitlinie vergibt. Das gilt für einen Reflex, ein Ziel, eine Gruppe — nicht für alles, was in Deutschland Reflexintegration heißt.

Für den Bereich, in dem Eltern am ehesten davon hören, steht dagegen nichts. Ich habe die Langfassung der Leitlinie, nach der in Deutschland bisher auf ADHS abgeklärt wird, selbst durchsucht: kein einziger Treffer für „Reflex“. Das ist keine Ablehnung, das ist Schweigen — und Schweigen belegt nichts, in keine Richtung.

Was ein gefundener Reflex nicht ist

Er ist kein Befund, an dem etwas hängt. Reflexintegrationstraining steht auf keiner der Listen von Heilmitteln, die eine Kinderärztin verordnen kann; ich habe in der Richtlinie nachgesehen, nach der Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie verordnet werden, und das Wort kommt dort nicht vor. Was ein einzelnes Angebot kostet, sagt dir nur der Anbieter, und ob eure Kasse etwas dazugibt, nur die Kasse.

Er ist auch keine Erklärung statt ADHS. ADHS ist real, und die Diagnose ist oft die zutreffende; wer dir sagt, hinter der Unruhe deines Kindes stecke in Wahrheit ein Reflex, verspricht dir mehr, als die Studien hergeben. Und er ist keine Checkliste: Die vierzehn Punkte vom Elternabend beschreiben Kinder, nicht Reflexe, und neun Haken heißen, dass du dein Kind wiedererkennst, nicht, dass neun Reflexe da sind.

Schließlich ist er kein Grund zur Eile. Für kein Programm dieser Art ist ein Zeitfenster belegt, das zuschlägt — wenn dir jemand sagt, jetzt oder nie, ist das eine Aussage über sein Geschäft und keine über dein Kind.

Fünf Fragen an das Angebot

Liegt ein Angebot vor dir, dann prüf das Angebot, nicht dein Kind.

Frag nach dem Ziel, in einem Satz. „Der Reflex wird integriert“ ist keins; „Sie zieht sich morgens die Jacke allein an“ ist eins, denn daran könnt ihr beide sehen, ob sich etwas ändert. Frag, wer den Erfolg beurteilt — misst dasselbe Verfahren, ob das Verfahren wirkt, sagt das Ergebnis nichts; besser ist, wenn die Kita mitschaut oder ihr zu Hause. Frag nach dem Gesamtpreis und nicht nach dem Stundensatz: Zwölf Termine sind zwölf Termine, dazu Material, Übungen zu Hause und die Fahrerei.

Frag außerdem: „Was passiert, wenn sich nach zehn Terminen nichts geändert hat?“ Eine gute Antwort lautet, dann hören wir auf und schauen woanders hin; eine schlechte, dann brauchen wir mehr Termine. Und frag: „Was würden Sie mir außerdem raten?“ Wer darauf nichts nennt außer dem eigenen Angebot, ist eine schmale Adresse.

Wenn ihr längst mittendrin seid, war das kein Fehler — ihr habt euch um euer Kind gekümmert, mit dem, was euch angeboten wurde, und die fünf Fragen gelten auch beim dreizehnten Termin. Daneben kostet eine Woche Zusehen nichts: Wann ist dein Kind ruhig, wann nicht, und was war jeweils vorher los? Nach sieben Tagen hast du kein Ergebnis, aber ein Muster, und das kann dir niemand sonst aufschreiben.

Wann Reflexe medizinisch wirklich zählen

Ich stelle keine Diagnosen und darf das auch nicht; was hier steht, ersetzt keine ärztliche Abklärung.

Es gibt eine Lage, in der frühkindliche Reflexe medizinisch wirklich zählen, und sie liegt im ersten Lebensjahr. Lass dein Kind dann ansehen, ohne den nächsten Vorsorgetermin abzuwarten:

Das sind keine Wahrnehmungsfragen. Das sind Arztfragen, und dafür ist die Kinderärztin da, kein Kurs.


Dass ich Eltern fünf Fragen an das Angebot mitgebe statt einer sechsten Liste zum Abhaken: Das stammt aus meiner Arbeit und ist in dieser Form nicht durch Studien belegt. Ich sehe in den Gesprächen, dass ein Kind selten an einem einzelnen Befund hängt, sondern daran, was der Tag von ihm verlangt. Das ist eine Beobachtungsbrille, keine Diagnostik.

Zurück zum Blog