Ist es Autismus — oder ist er nur reizoffen?
Wer abends „Autismus Kind“ eintippt, findet zwei Lager, die beide so reden, als müsstest du dich entscheiden. Das eine sagt: Genau das ist es, lass sofort abklären, sonst verliert ihr Jahre. Das andere: Er ist reizoffen, das ist die Wahrnehmung, mit Autismus hat das nichts zu tun. Als läge da eine Weiche und du stündest davor, mitten in der Nacht.
Diese Weiche gibt es nicht. Damit ich nicht missverstanden werde: Autismus ist real, wer die Diagnose hat, hat sie zu Recht, und ich rede hier nichts davon klein. Ich sage etwas anderes — die Frage, vor die dich die beiden Lager stellen, kann dir heute niemand beantworten, auch keine Fachärztin nach zwanzig Minuten. Und sie muss nicht beantwortet sein, damit bei euch morgen etwas anders läuft.
Reizempfindlichkeit gehört dazu, sie steht nicht dagegen
Der erste Grund, warum das „oder“ nicht trägt, steht in den Diagnosekriterien selbst: Seit gut zehn Jahren zählt die Über- und Unterempfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen ausdrücklich zu den Merkmalen, an denen Autismus festgemacht wird — Geräusche, Licht, Stoffe auf der Haut, Gerüche, Temperatur, Schmerz.
Wenn dein Sohn den Händetrockner nicht aushält, wenn du aus jedem Shirt das Etikett schneidest, wenn ein voller Raum ihn nach zehn Minuten in den Flur treibt, dann ist das kein Argument gegen Autismus, sondern eines der Dinge, die in einer Abklärung angesehen werden. Es ist aber auch keines dafür.
Was ein empfindliches Kind nicht beweist
Sensorische Besonderheiten sind nicht autismusspezifisch; sie kommen auch bei anderen Störungsbildern vor und bei Menschen ohne jede Diagnose. Dass ein Kind Reize schlecht verträgt, kann ebenso an einer Hör- oder Sehbeeinträchtigung liegen, an einer Sprachentwicklungsstörung, an einer Schwäche der motorischen Koordination, an Angst oder an ADHS, das bei Kindern mit Autismus zusätzlich auftreten kann und genauso gut allein.
Und noch etwas gehört hierher, weil der Begriff Eltern in der Ergotherapie begegnet: Eine „sensorische Integrationsstörung“ ist in Deutschland keine Diagnose. Ich habe im amtlichen Verzeichnis nachgesehen — der Block für Entwicklungsstörungen kennt Sprache, schulische Fertigkeiten, Motorik und Autismus, aber keine Kategorie dafür. Das macht deine Beobachtung nicht falsch, es heißt nur, dass sie kein Gegenstück ist, das sich gegen eine Autismusdiagnose ins Feld führen ließe.
Es gibt auch kein Verfahren, das Reizempfindlichkeit mit Autismus zuverlässig von Reizempfindlichkeit ohne Autismus trennt; ich habe danach gesucht und keines gefunden. Was mir in meiner Arbeit begegnet, ist ein anderes Muster: Eltern kommen mit einer sehr genauen Beobachtung und mit dem Gefühl, sie hätten damit schon die Erklärung. Was sie mitbringen, ist wertvoll — nur ist es kein Ergebnis.
Woran es sich entscheidet, und wer das beurteilt
Wenn nicht an der Sinnesverarbeitung — woran dann? Am Gesamtbild, und darin vor allem an der sozialen Wechselseitigkeit: ob ein Kind Kontakt aufnimmt und hält, ob es Aufmerksamkeit teilt, also jemandem zeigt, was es gerade interessant findet, ob zwischen zwei Menschen ein Hin und Her entsteht. Das ist der Bereich, der Autismus von anderem unterscheidet, nicht die Frage, wie laut ein Händetrockner sein darf.
Dazu kommt eine Bedingung, die in Elternforen kaum vorkommt: Die Diagnose wird erst vergeben, wenn im Alltag eine bedeutsame Beeinträchtigung besteht — Auffälligkeiten allein reichen nicht aus. Wer sie stellt, ist festgelegt: eine spezialisierte Stelle, unter Beteiligung einer Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einer besonders qualifizierten Kinderärztin. Ein Test für alle Kinder ist dagegen nicht vorgesehen. Wenn deine Praxis also nicht mal eben testet, wimmelt sie dich nicht ab.
Die Monate dazwischen
Wie lange Familien in Deutschland auf einen Termin zur Abklärung warten, ist nicht systematisch erhoben, und eine Zahl, die ich dir guten Gewissens nennen könnte, gibt es nicht. Praktisch heißt das: Zwischen deinem Anruf und einer Antwort liegt eine Zeit, in der dein Kind älter wird, in die Kita geht und den Händetrockner weiter nicht aushält. Diese Monate gehören nicht der Diagnostik, sie gehören euch.
Denn was deinem Kind hilft, hängt nicht an dem Wort, das am Ende im Bericht steht. Ein Kind, das Geräusche nicht filtern kann, braucht einen leiseren Raum, ob dort Autismus steht oder nicht. Auch der Zugang zur Frühförderung hängt nicht an einer fertigen Diagnose; wie er läuft, steht in Frühförderung: für wen, ab wann, wer zahlt.
Was in diesen Monaten geht
Schreib mit, aber anders, als du denkst: nicht, was er hat, sondern was passiert ist. Drei Zeilen am Abend — was war, wo, wie lange, wer war dabei, wie ging es aus. Trenn dabei Reiz und Gegenüber: Notier, ob es an etwas Hörbarem, Sichtbarem oder Spürbarem lag oder an einem Menschen, der etwas von ihm wollte. Diese Unterscheidung kann dir niemand abnehmen, und sie ist eine der Fragen, um die es in einer Abklärung geht.
Bitte die Kita um einen schriftlichen Bericht; ein Absatz reicht. Solche Berichte gehören zur Abklärung dazu, und wer ohne kommt, wartet später darauf. Lass außerdem Hören und Sehen prüfen — das streicht zwei Möglichkeiten von der Liste, die genauso aussehen können.
Und ruf an, bevor du dir sicher bist. Die Warteliste läuft ab dem Tag deines Anrufs, nicht ab dem Tag deiner Gewissheit; melde dich bei mehr als einer Stelle, denn einen Termin abzusagen ist leichter, als ein halbes Jahr aufzuholen.
Ändert schon jetzt, was ihr ändern könnt: den leiseren Raum, die Kopfhörer für den Baumarkt, die zehn Minuten Vorlauf vor dem Geburtstag, in denen er das Zimmer leer sieht, bevor es voll wird. Keine dieser Anpassungen macht eine spätere Abklärung unmöglich — was du beobachtet hast, bringst du ja mit. Wenn dir jemand sagt, bis zur Diagnose könnt ihr nichts tun, stimmt das nicht; und wenn dir nach der Abklärung jemand sagt, jetzt sei alles entschieden, genauso wenig. Eine Diagnose hält einen Stand fest, mehr nicht und nicht weniger.
Was eine Arztfrage ist
Für alles Medizinische gilt dieser Text nicht. Ich stelle keine Diagnosen und darf das auch nicht; was hier steht, ersetzt keine ärztliche Abklärung.
Kurzfristig, ohne auf den nächsten Vorsorgetermin zu warten:
- wenn dein Kind Fähigkeiten verliert, die es schon hatte — Wörter, Gesten, Blickkontakt
- wenn es auf seinen Namen kaum noch reagiert und du unsicher bist, ob es gut hört
- wenn es mit anderthalb Jahren nicht zeigt, worauf es dich aufmerksam machen will
- wenn es sich selbst verletzt
- wenn so wenige Lebensmittel übrig sind, dass ihr um sein Gewicht fürchtet
Das sind keine Fragen, die du sortieren musst, sondern Arztfragen.
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