Im Februar hat die Kinderärztin gesagt: Ergotherapie, das machen wir. Es war ein guter Termin, und du bist erleichtert nach Hause gefahren. Dann hast du angerufen und gedacht, einen Therapieplatz finden seien zwei Telefonate: Erste Praxis, keine Kapazität. Zweite Praxis, Warteliste, sie melden sich. Dritte Praxis, dreimal der Anrufbeantworter.
Jetzt ist Mai, ihr steht auf zwei Listen und habt keinen Termin, und das erste Rezept ist längst verfallen. In dir sitzt seither ein Satz, den du nie ausgesprochen hast, weil er nach Ausrede klingt: Solange wir keinen Platz haben, können wir nichts machen. Der Satz ist falsch, und zwar genau in dem Punkt, auf den es ankommt.
Das Rezept sammelt keine Wartezeit an. Es läuft ab.
Eine Heilmittelverordnung ist kein Gutschein ohne Ablaufdatum: Die Behandlung muss innerhalb von 28 Kalendertagen nach dem Datum auf dem Blatt beginnen, sonst verliert die Verordnung ihre Gültigkeit, und ist „dringlicher Behandlungsbedarf“ angekreuzt, sind es 14 Tage. Für die Logopädie gelten teils abweichende Fristen.
Daraus folgt eine unscheinbare Reihenfolge, die viel spart: erst der Platz, dann das Papier. Ruf die Praxen an, solange die Verordnung noch gar nicht ausgestellt ist, und hol das Rezept erst, wenn ein Anfangstermin zugesagt ist. Sprich das in der Kinderarztpraxis vorher ab, damit dort niemand denkt, du hättest es dir anders überlegt. Und wenn ihr eines habt, das abzulaufen droht, ruf an und frag, was zu tun ist — die Antwort ist meistens einfacher, als sie sich anfühlt.
Wie lange dauert das denn nun?
Ich kann dir keine Zahl nennen, und das nicht, weil ich sie dir vorenthalte, sondern weil es für Deutschland keine belastbare Erhebung gibt, wie lange Familien auf einen Therapieplatz warten. Sagt dir jemand, es dauere im Schnitt so und so viele Monate, dann frag, woher die Zahl kommt; in den meisten Fällen kommt sie von nirgendwo.
Was sich sagen lässt, ist unbequemer: Wie lange es dauert, hängt vor allem davon ab, wo ihr wohnt. Ändern kannst du die Zahl der Türen, an die du klopfst.
Was in dieser Zeit trägt
Die Wartezeit ist weder leer noch eine kleine Therapie, die ihr zu Hause selbst macht — sie ist die Zeit, in der ihr den ersten Termin vorbereitet.
Beobachten ist diese Vorbereitung: zwei Zeilen am Abend, eine Woche lang, immer zur selben Sache — wann es klappt, wann nicht, was davor war. Wenn der Termin kommt, verliert ihr die erste Stunde nicht mit Erinnern.
Der Alltag ist der größere Raum, aber er ist kein Ersatz. Für einen Bereich ist elterliches Handeln allerdings mehr als eine Haltung: Bei Kindern, die spät zu sprechen anfangen, sieht die Leitlinie, nach der in Deutschland vorgegangen wird, ein strukturiertes Elterntraining ausdrücklich vor der direkten Therapie vor. Drei Einschränkungen gehören dazu: Der Befund betrifft die Sprache, für Ergotherapie, Motorik und Wahrnehmung gibt es nichts Vergleichbares; er gilt vor allem für Kinder, deren Sprachverständnis altersgemäß ist; und gemeint ist ein angeleitetes Programm, kein Übungsheft, das du dir selbst zusammenstellst. Ob Eltern Ko-Therapeutinnen sein sollen, ist unter Fachleuten umstritten — meine Antwort ist die schlichte: Bleib die Mutter.
Bleib außerdem an den Listen und steh auf mehreren gleichzeitig; das ist erlaubt und üblich. Sag beim ersten Kontakt, dass ihr auch kurzfristig könnt, und notier bei jedem Telefonat Datum, Namen und was zugesagt wurde. Wer nach vier Wochen anruft und sagen kann, ihr hättet am zwölften März gesprochen, ist kein Name auf einer Liste mehr, sondern eine Familie, an die sich jemand erinnert.
Und öffne parallel eine andere Tür. Eine Frühförderstelle deckt mehr ab als eine einzelne Praxis, und der Weg dorthin beginnt in Schleswig-Holstein mit einem offenen Beratungsgespräch, für das ihr weder Überweisung noch Befund braucht. Was dort passiert und warum es für die Familie nichts kostet, steht in Frühförderung: für wen, ab wann, wer zahlt.
Was die Wartezeit nicht ist
Sie ist nichts, wofür es eine Notrufnummer gäbe. Die Terminservicestelle unter 116117 vermittelt Arzttermine, keine Termine bei Ergotherapie, Logopädie oder Physiotherapie, und einen Anspruch darauf, innerhalb einer bestimmten Frist einen Therapieplatz zu bekommen, gibt es nicht. Wer dir etwas anderes sagt, verwechselt zwei Dinge.
Und sie ist nichts, was ihr zu Hause abkürzt: Das Kind kommt anders in die Therapie hinein, nicht schneller wieder heraus. Ich sage das so deutlich, weil ich Familien erlebe, die ein halbes Jahr in Habachtstellung verbracht haben — und diese Anspannung überträgt sich. Das stammt aus meiner Arbeit und ist in dieser Form nicht durch Studien belegt.
Der Vormittag, an dem du telefonierst
Mach eine Liste mit acht Praxen und arbeite sie an einem einzigen Vormittag ab, nicht über Wochen verteilt — weil du dann bei jedem Anruf noch weißt, was du beim letzten gesagt hast. Sag in jedem Gespräch zwei Sätze: „Wir können auch kurzfristig.“ Und: „Darf ich in vier Wochen noch mal nachfragen?“ Die zweite Frage macht den Nachfassanruf zu etwas, das ihr verabredet habt.
Klär bei der Gelegenheit, wie es mit dem Rezept steht. Habt ihr eines, dann frag, ab wann die Frist läuft und ob „dringlich“ angekreuzt ist; habt ihr keines, sprich in der Kinderarztpraxis ab, dass du es holst, sobald ein Anfangstermin steht.
Mit den zwei Zeilen am Abend fängst du heute an, nicht wenn der Termin steht. Und sprich mit der Kita darüber, nicht um Druck zu machen, sondern weil dort jemand acht Stunden am Tag dasselbe Kind sieht; was in der Gruppe schon anders läuft, gehört mit in den ersten Termin. Wie ihr so ein Gespräch führt, steht in Die Kita hat etwas beobachtet. Was jetzt?.
Wann du nicht auf den Platz wartest
Für alles Medizinische gilt dieser Text nicht. Ich stelle keine Diagnosen und darf das auch nicht; was hier steht, ersetzt keine ärztliche Abklärung.
Ein Punkt gilt unstrittig als Grund, nicht abzuwarten: wenn dein Kind Fähigkeiten verliert, die es schon hatte — Wörter, Bewegungen, Blickkontakt. Damit gehst du hin, ohne auf den Therapieplatz zu warten.
Eine amtliche Liste weiterer Warnzeichen habe ich nicht gefunden, und deshalb schreibe ich dir keine hin. Wenn sich etwas deutlich verschlechtert, seit ihr auf der Liste steht, oder dir sonst etwas nicht geheuer ist, ruf in der Praxis an und lass dort entscheiden, ob es ein Termin sein muss.
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